Grundlage dieses Beitrags sind folgende Publikationen:

  • Rauschenberger, M., Schrepp, M., Perez-Cota, M., Olschner, S. & Thomaschewski, J. (2013): Efficient Measurement of the User Experience of Interactive Products. How to use the User Experience Questionnaire (UEQ). Example: Spanish Language Version. In: International Journal of Interactive Multimedia and Artificial Intelligence, Bd. 2 Vol 2. Nr. 1, S. 39-45.
  • Winter, D., Hinderks, A., Schrepp, M. & Thomaschewski, J., (2017). Welche UX Faktoren sind für mein Produkt wichtig? In: Stefen Hess und Holger Fischer (Hg.): Mensch & Computer – Usability Profesionals. Bonn, S. 191–200.
  • Thomaschewski, Jörg; Hinderks, Andreas; Schrepp, Martin (2018): Welcher UX-Fragebogen passt zu meinem Produkt? In: Stefen Hess und Holger Fischer (Hg.): Mensch & Computer – Usability Professionals. Bonn, S. 437–445.
  • Schrepp, M. & Thomaschewski, J. (2019a): Eine modulare Erweiterung des User Experience Questionnaire. In: Stefen Hess und Holger Fischer (Hg.): Mensch & Computer – Usability Professionals. Bonn, S. 148–156.
  • Schrepp, M. & Thomaschewski, J. (2019b): Design and Validation of a Framework for the Creation of User Experience Questionnaires. In: Int. J. of Interactive Multimedia and Artificial Intelligence (IJIMAI). Vol. 5, No. 7, pp. 88-95. DOI: 10.9781/ijimai.2019.06.00.

Standardfragebögen gelten als gutes Werkzeug zur Messung der User Experience (Rauschenberger et al., 2013). Dabei ist der Anspruch der Standardfragebögen, dass damit die Usability oder User Experience (UX) unterschiedlichster Produkte gleich gut gemessen werden kann. Langjährige Erfahrungen in der Messung und Auswertung zeigen aber, dass ein Fragebogen nicht für alle Produkte bzw. Produktgruppen optimal geeignet ist. Zu sehr unterscheiden sich die Produkte. Beispielsweise sind bei Textverarbeitungssoftware Faktoren wie „Originalität“ und „Stimulation“ nicht so bedeutend, wie bei Social Media Anwendungen. Auf Basis dieser Idee wurde in einem aufwändigen Verfahren der modulare Fragebogen „User Experience Questionnaire Plus“ (UEQ+) entwickelt.

Um zu ermitteln, welche UX-Faktoren aus Nutzersicht bei welchem Produkt wichtig sind, wurden zwei Studien (Winter et al. 2017, Thomaschewski et al. 2018) durchgeführt, bei denen Nutzer die Wichtigkeit verschiedener UX-Faktoren für verschiedene Produktkategorien einschätzen.Auch wurde in diesen Studien auf die bis dato existierenden Usability- und UX-Fragebögen eingegangen.

In Thomaschewski et al. 2018 wurde die Studie von Winter et al. 2017 mit den 16 UX-Faktoren und 10 Produktkategorien wiederholt und kam (selbst zur Überraschung der Autoren) genau zu denselben Ergebnissen. Außerdem wurde angegeben, welche Usability- und UX-Fragebögen welche UX-Faktoren vollständig (V) oder teilweise (t) messen.

Eingeschätzte Wichtigkeit von UX-Faktoren bezüglich unterschiedlicher Produktkategorien

Abbildung 1: Eingeschätzte Wichtigkeit von UX-Faktoren bezüglich unterschiedlicher Produktkategorien (Thomaschewski et al. 2018)

Diese Tabelle kann eine erste Orientierung geben, welche Faktoren für ein Produkt wichtig sein könnten.

Die Zahlen in der Tabelle sind wie folgt zu lesen:

3 = sehr wichtig,
2 = wichtig und
1 = nicht ganz so wichtig.

Hedonische UX-Faktoren wurden als weniger wichtig eingeschätzt (siehe Tabelle). Dies überrascht nicht, da Menschen dazu neigen, eine Produktauswahl pragmatisch zu begründen. Denken Sie einmal an den Kauf eines Autos oder Fernsehers o.ä. Zunächst werden pragmatische Kriterien festgelegt, doch die Entscheidung für ein Produkt fällt oft aufgrund hedonischer Eigenschaften (und des Preises). Somit sollte jedes Unternehmen auch festlegen, welche hedonischen Eigenschaften ihre Produkte erreichen sollten, damit die Kaufentscheidung zu Gunsten der eigenen Produkte stattfindet.

In Schrepp und Thomaschewski (2019a, 2019b) wird die Konstruktion des UEQ+ beschrieben, der mit all seinen Materialien ebenso wie der UEQ kostenlos erhalten werden kann.

Zum UEQ: www.ueq-online.org

Zum UEQ+: ueqplus.ueq-research.org

Welche UX-Faktoren gibt es?

Der UEQ+ verfügt über folgende Faktoren:

  • Attraktivität: Gesamteindruck zum Produkt im Sinne einer gut/schlecht Bewertung.

  • Effizienz: Können Nutzer ihre Aufgaben schnell und ohne unnötigen Aufwand erledigen?

  • Durchschaubarkeit: Wird es als einfach empfunden, die Bedienung des Produkts zu erlernen?

  • Steuerbarkeit: Hat der Nutzer das Gefühl, stets die volle Kontrolle über die Interaktion zu besitzen?

  • Stimulation: Wird die Arbeit mit dem Produkt als spannend und interessant empfunden?

  • Originalität: Wird das Design des Produkts als innovativ und kreativ empfunden?

  • Vertrauen: Hat der Nutzer das Gefühl, dass seine Daten in sicheren Händen sind?

  • Anpassbarkeit: Kann das Produkt an persönliche Vorlieben angepasst werden?

  • Nützlichkeit: Bietet die Nutzung des Produkts Vorteile?

  • Wertigkeit: Macht die Gestaltung des Produkts einen hochwertigen und professionellen Eindruck?

  • Visuelle Ästhetik: Wird die visuelle Gestaltung des Produkts als ansprechend und schön empfunden?

  • Intuitive Bedienung: Kann das Produkt ohne Anleitung oder Hilfe direkt bedient werden?

  • Inhalts-Seriosität: Wird die durch das Produkt bereitgestellte Information als verlässlich und vertrauenswürdig empfunden?

  • Inhalts-Qualität: Wird die vom Produkt bereitgestellte Information als interessant und gut aufbereitet empfunden?

  • Übersichtlichkeit: Macht das User Interface des Produkts einen strukturierten und geordneten Eindruck?

Nur für Voice User Interface

  • Antwortverhalten: Sind die Antworten des Sprachassistenten höflich, respektvoll und vertrauenswürdig?

  • Antwortqualität: Erfüllen die Antworten eines Sprachassistenten den Informationsbedarf des Benutzers?

  • Verständnis: Versteht der Sprachassistent die Anweisungen und Fragen der Benutzer in natürlicher Sprache richtig?

Nur für Geräte

  • Haptik: Wird die Berührung des Produkts als angenehm empfunden?
  • Akustik: Werden die Betriebsgeräusche des Produkts als angenehm empfunden?

UX-Faktoren für Ihr Produkt festlegen

Bei der Evaluation der User Experience mit dem UEQ+ müssen also zunächst die zu messenden UX-Faktoren festgelegt werden. Der finale Fragebogen sollte dabei maximal 7 UX-Faktoren abfragen, da ansonsten der Fragebogen zu lang wird. Wie geht man nun vor, wenn man den UEQ+ entsprechend produktbezogen anpassen möchte?

Hier gibt es zwei Ansätze:

  • Das Management eines Unternehmens bestimmt, welche UX-Faktoren gemessen werden sollen.
  • Man befragt die Nutzer dazu, welche UX-Faktoren wichtig sind und gemessen werden sollten.

Zu empfehlen ist eine Kombination aus den beiden Vorgehen. Einerseits sollten zunächst die Nutzer befragt werden und andererseits sollte das Management überlegen, welche (auch hedonischen) Faktoren gegenüber den Mitbewerbern entscheidend sind und das Produkt auszeichnen.

Fragebogen

In der Praxis hat sich gezeigt, dass es im Management und im Entwicklungsteam kein einheitliches Verständnis für die „besonders wichtigen UX-Faktoren“ gibt. Natürlich können die „besonders wichtigen UX-Faktoren“ vom oberen Management festgelegt werden, aber ein viel besseres Vorgehen ist die Schaffung eines einheitlichen Verständnisses zu den Faktoren im gesamten Entwicklungsteam. Und genau hierfür kann der folgende Fragebogen genutzt werden.

Fragebogen zur Auswahl der „besonders wichtigen UX-Faktoren“:

*Hier kommt in naher Zukunft ein Link zu einem Fragebogen.*

Jörg Thomaschewski
Jörg ThomaschewskiProf. Dr.
Jörg Thomaschewski arbeitet an der Hochschule Emden/Leer. Seine Schwerpunkte sind „Agile Software Development“, „Human Computer Interaction“ sowie die Messung und das Management der „User Experience“. Sein Ziel ist eine in der Praxis anwendbare Forschung.
Andreas Hinderks
Andreas HinderksDoktorand Dipl.-Inf., M.Sc. (kooperative Promotion mit der Universität Sevilla)
Andreas Hinderks ist freiberuflicher Scrum Coach, der Teams in Organisationen hilft, sich zu entwickeln. Mit Methoden aus dem agilen Coaching und dem Management von User Experience unterstützt er Teams dabei, digitale Produkte mit einer hohen User Experience zu entwickeln. Im Rahmen seiner Promotion erweitert er seine theoretischen Modelle. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Messen der User Experience mit Fragebögen (z.B. dem UEQ) und der Etablierung von agilen UX-Messmethoden in Organisationen. Ziel der Promotion ist die Entwicklung ein Framework zur Verbesserung der User Experience in agilien Organisationen.
Dominique Winter
Dominique Winter
Dominique Winter ist Experte für die erlebnisorientierte Produktentwicklung und unterstützt Organisationen dabei, begeisternde digitale Produkte zu entwickeln. Er greift dabei auf Methoden aus dem agilen Coaching, dem UX-Management und der kompetenzorientierten Organisationsentwicklung zurück. Praktische Erfahrungen ergänzt er durch Forschung (u.A. Promotion zum Thema UX-Kompetenzen von Organisationen) und verbindet so Theorie und Praxis. Seine Erfahrungen aus der Produktentwicklung teilt er in seinem Blog (www.designik.de) mit jedem, der Lust hat etwas Neues auszuprobieren und seinen Horizont zu erweitern.